Abgefahren

von Sylke Rossek

oder

… ALLES außer Bewertung

Wir haben es mal wieder getan. Die Menschen verwirrt. Nicht mit Absicht. Dabei haben wir einfach nur auf unsere innere Stimme gehört. Nicht auf die von außen. "Was? Ihr?" "Ich dachte, ihr seid Ökos!" "Wart ihr nicht immer dagegen?" "Das ist doch gar nicht euer Stil!"
Ja, ja, ja und nochmals ja. Punkt.

Was passiert, wenn wir aufhören zu bewerten?
Dann haben wir plötzlich die Wahl. Wir können wählen und zwar aus einem unerschöpflichen Pool von Möglichkeiten.

Nach anspruchsvollen Wochen waren freie Tage in Sicht. Was wollten wir? Der Rahmen war schnell gemeinsam abgesteckt (ein großer Vorteil in der Partnerschaft, wenn es dabei in die gleiche Richtung geht): Ruhe, nichts tun (auch nicht kochen müssen oder gar drüber nachdenken, was es denn jeden Tag zu essen geben soll), Sonne, Meer und trotzdem ein bisschen was erleben, ohne sich groß anstrengen zu müssen.

Daraufhin wurden Wetterprognosen recherchiert, Angebote und Preise verglichen, Tipps von Familie und Freunden untersucht, an unseren kleinen Camper gedacht … und immer wieder ploppte eine bisher abgelehnte und aus verschiedenen Gründen nicht in Betracht zu ziehende Idee auf, die dann inspiziert und für nicht durchführbar erklärt wurde. Und doch war die Saat gelegt.



Als ambitionierte Schulgartenlehrerin weiß ich, was da so nötig ist: gießen, lockern, ruhen lassen, … auf keinen Fall dran ziehen, wenn schon etwas aus der Erde guckt!

Wir befragten Fans dieser Idee, stöberten in Restposten und bei Stornokabinen, fuhren in Gedanken verschiedene Routen ab und ließen alles wieder fallen. Sind wir wahnsinnig geworden? Haben wir den Verstand verloren? Was hatten wir nicht alles für Argumente dagegen und die zählten plötzlich nicht mehr? Wie hatten wir bisher über die da gedacht, die so was machten?

Die Saat begann zu keimen, schob sich ans Licht und suchte die Sonne. So, wie wir. Es gab kein Zurück. Wir mussten doch erst einmal kennen lernen, wogegen wir seit vielen Jahren waren.
Waren wir wirklich dagegen? Oder war es „nur“ unser ökologisches Gewissen? Spannend, warum sich viele Menschen scheinbar darüber keine Gedanken machen. Ist ihnen das egal?
Oder ist das wiederum „nur“ eine interessante Ansicht? Fragen über Fragen.

Was sagt eigentlich unsere innere Stimme dazu? Unser Herz? „Macht es doch einfach mal! Dann seid ihr schlauer!“

Sonntag, 22 Uhr griechischer Zeit, ertönt das Schiffshorn drei Mal. Wir stehen kurzärmlig an der Reling mit Sekt in der Hand und sehen mit einer Mischung aus Vorfreude, Fassungslosigkeit und Respekt, wie das Schiff anfängt sich zu bewegen.

Abgefahren!

Was folgt sind 6 Tage, in denen wir genau das fanden, wonach wir suchten und noch einiges mehr: Ruhe und Erlebnisse, Untätigkeit und Bewegung, leckeres Essen und Trinken, besten Komfort, Sonne und ganz viel Meer. Luxus pur!

Wieder zurück in Brandenburg wurden wir gefragt, ob wir jetzt infiziert sind. Sind wir?

Es ist eine unfassbar schöne und bequeme Art zu reisen, Häfen und Städte kennenzulernen, die man vor kurzem noch nicht einmal auf dem Plan hatte. Wir sind unendlich dankbar für diese Erfahrung, die vielen schönen Erlebnisse und Begegnungen. Wir sind erFüllt!

Was wäre passiert, wenn wir nicht mitgefahren werden? Hätte sich umwelttechnisch oder umweltpolitisch irgendetwas verändert? Hätten wir ein Zeichen gesetzt? Mitnichten.

Es gibt viele andere Möglichkeiten, sich für den Erhalt dieser wundervollen Erde einzusetzen, z.B. die Saat zu setzen im Schulgarten, bei den Kindern, …, für ein neues Bewusstsein.

Was bringt uns wirklich weiter? Die Dinge zu bewerten oder sie anzunehmen und das Beste draus zu machen?

Ich freue mich schon auf eure Feedbacks und Kommentare!

Eure Sylke